Ein schöööner Tag….

War heute eigentlich Montag? Hätte ein Tavor-Leckstein geholfen? Falls ja, wer hätte ihn bekommen? Kann und sollte man der Klimaanlage Haldol beimischen?
Fragen über Fragen, die sich so wahrscheinlich nicht mehr abschließend klären lassen, denn auch dieser Tag ging für alle überraschend irgendwann einfach vorbei – aber fangen wir doch von vorne an…

06:47 Uhr Zulu-Zeit – Stimmung: Lass mich in Ruhe, ich will ins Bett…
Betrete die Klinik durch den Haupteingang. Früh-Saal A mit Kinder-HNO, danach ein bisschen unfallchirurgisches Kleinklein. Kumulierte OP- Zeit ca. 2,5 Stunden, wenn ich mich recht an den Blick auf den OP-Plan gestern erinnere – frührer Feierabend winkt also.
Feststellung: Möglicherweise etwas knapp dran für Umziehen (weiß), Umziehen (grün), Zugang legen und Tubus reinmachen für eine Adenotomie bei einem Zweijährigen wenn um 7:00 Schnitt sein soll. Zum Glück pflegt mich heute ein ganz alter Narkosewärter, der würde das auch ohne mich hinkriegen…

06:54 Uhr Zulu-Zeit – Stimmung: Je eher daran, je eher davon!
Habe beschlossen, auf eines der beiden Umziehen zu verzichten und stehe hygienisch einwandfrei in grün gewandet im Saal. Allein. Mutterseelenallein.
„Haaaloooo?“ rufe ich vorsichtig. Keine Antwort aus der Dunkelheit.
„Haaaaaaalloooo?“ Man soll ja nicht gleich beim ersten Mal Aufgeben. Nichts.

06:57 Uhr Zulu-Zeit – Stimmung: AUA!
Über den Flur in die Schleuse vorgetastet.
Auf dem Weg im Dunkel medizinisches Gerät im Wert mehrerer zehntausend Euro beschädigt, zumindest fühlen Kopf und Schienenbein sich so an. Wer stellt auch das IABP-Aggregat da mitten in den Weg? Lichtschalter gefunden. Blick auf den OP-Plan mit den Ergänzungen durch den Diensthabenden.

06:58 Uhr Zulu-Zeit – Stimmung: Oh Nööö….
Schnitt nicht um 7:00h sondern um 7:30h angesetzt. Schon gestern, von Anfang an so geplant gewesen. Versuche kurz zuzuordnen ob der Kopfschmerz von der Kollision mit der OP-Lampe vor wenigen Minuten oder vom Kampf der Gedanken „Jetzt ein entspanntes Mettbrötchen in der Kantine“ und „Du hättest länger schlafen können“ der jetzt in meinem Frontalhirn tobt herrührt.
Zeitgleich fällt der Blick auf das untere Drittel des OP-Planes: Sectio. Nach Saal A. Anästhesist: Doc Vapor. Das Mettbrötchen vergeht mir spontan, irgendwie werden die Kopfschmerzen mehr.

07:06 Uhr Zulu-Zeit -Stimmung: Koffein, jetzt!
Auf dem Weg in die Küche der Intensivstation, da gibt es Kaffee…
Während ich dem verlorenen Schlaf (meinem eigenen) noch hinterhertrauere öffnet sich die Schiebetür einer Behandlungsbox und ein Pfleger von der Intensiv teilt mir ein bisschen aufgeregt und sehr ungefragt mit: „Wir fahren jetzt mit dem Patienten los!“
„Äääh, ja… Macht ihr das? Hase, ich. Also mein Name. Ich weiß von nichts. Soll HNO machen. Ihr macht doch eh, was ihr wollt, oder?“ entgegne ich. Kann nicht mein Patient sein, ist mir also auch ein bisschen egal. Intensiv, die wissen schon, was sie tun. „Oberarzt Grummel hat gesagt, er geht rein und wir sollen zur Schleuse fahren“ werde ich informiert, während man den offensichtlich ziemlich kranken Patienten an mir vorbeischiebt. „Jaja, macht mal, viel Spaß!“ geb ich freundlich zurück, „Wenn Doc Grummel das beschlossen hat, misch ich mich besser nicht ein.“
Flugs weiter Richtung Kaffee.

07:07 Uhr Zulu-Zeit – Stimmung: Vorhanden.
O’zapft is! Langsam fließt der Kaffee meine Kehle hinab. Noch bevor sich ein wohlig-warmes Gefühl im Magen ausbreiten kann werd ich von links hinten, wenigstens aber mit freudlicher Stimme von der NEF-Kollegin angequatscht: „Vapor, altes Kampfschwein! Ausm Bett gefallen? Wenn Du Oberarzt Poser siehst: Die Kollegin die heut Gyn macht hat angerufen, ist krank heute. Poser organisiert, das dürfte ihn interessieren.“
Langsam kommt der Kaffee im Magen an, kurz danach setzt die Gehirndurchblutung ein. Kleine Splitter fügen sich zu etwas grösserem.
Mehrere schreckliche Dinge wühlen sich zeitgleich in den schmalen Erkenntnishorizont: 1.)Später Sectio 2.)Kollegin krank 3.)Ein Saal mit einen Intensivpatienten erstmal fürs Tagesprogramm blockiert 4.)Poser als OP-Organisator.
Suche verzweifelt nach irgendetwas positivem, oder wahlweise einem Strick, der ca. 85kg trägt.
Mir fällt auf das der Kaffee in meiner Tasse noch heiß ist. Das ist eigentlich schon mehr, als ich erwarten kann.

07:15 Zulu-Zeit – Stimmung: Ob es auffällt, wenn ich einfach nach Hause gehe?
Aaaah, Leben im Saal! Mein Lieblingsnarkosewärter ist da, das OP-Personal baut auf.
Die Narkose ist besprochen, alles ist vorbereitet. Nur unser Patient fehlt, da kann man mal nachfragen. Flugs auf der Station angerufen, unschuldige Frage, ob der Zwerg seinen Juhu-Saft schon bekommen hat. Hat er nicht: Kind krank, Fieber, fällt aus. Weiß man auf der Kinderstation auch schon seit vorvorgestern. Man hat sich auch gewundert, warum der Lütte weiter auf dem Plan steht aber bescheid gesagt hat man sicherheitshalber niemandem.
Also weiter mit Unfallchirurgie. Anruf auf Station: Alles ambulante Patienten, kommen gerade mit gepackter Tasche durch die Tür, das dauert noch einen Moment….
Herrlich – ich kann in den Aufwachraum zur Frühbesprechung! Weil ich früh dran bin spekuliere ich auf einen Liegeplatz.

07:27 Zulu-Zeit – Stimmung: Ausgeglichen, liegend.
Ein Mann mit wirrem Blick und wehendem Kittel rauscht in den den Aufwachraum: Auftritt Doc Poser: „Vapor, was is mit HNO?“ ranzt man mich an.
„Fällt aus wegen is nich. Die Uschi-Patienten sind pünktlich und checken gerade ein. Kann keiner früher.“ Damit hab ich erstmal Ruhe und nacheinander werden die Patienten in den anderen Säälen besprochen. Da war doch was….
„Dr. Poser…..“
„Nicht jetzt! Wir besprechen uns. Als nächstes Gyn. Wo ist die Kollegin?!“
„Entschuldigung, Dr. Poser…“
„Vapor – NICHT JETZT!!! Wo ist die Kollegin?!?!“
„Krank.“
„Vapor, ihr dazwischengequatsche nervt. Kommt die Kollegin denn noch irgendwann? Weiß einer was?“
Stille. Von allen unbemerkt weht ein vertrockneter Busch durch den Aufwachraum.
„Öhhm, Doc Poser…. Die Kollegin ist krank. Hat sich telefonisch abgemeldet.“
„WARUM sagen sie das denn BITTE nicht GLEICH Vapor?!?“

07:32 Zulu-Zeit – Stimmung: Hier rein, da raus…
Eine buddhistische Meditationsminute später kommt der Transportdienst mit einer großen Kiste voller Blutkonserven und Frischplasma in den Aufwachraum: „Ich hätte hier…..“
„KÖNNEN WIR JETZT MAL IN RUHE BESPRECHUNG MACHEN?“ fällt man ihm oberärztlicherseits ins Wort. „Aber ich hab hier….“ „Jetzt STELLEN SIE DAS DA HIN!“
Irgendwas rattert in meinem Kopf. Intensivpatient, Blutbankkiste.
Warum tat mein Schienenbein nochmal so weh? IABP-Aggregat, richtig.
Plötzlich möchte ich ganz dringend nach Hause.

07:33 Zulu-Zeit – Stimmung: Fluchtgedanken
Auf der Sterilseite des Aufwachraumes taucht Doc Grummel auf und würde gern wissen, ob der Transportdienst mit dem Blut für das rupturierte BAA schon da war.
Ein Kollege reicht Grummel die Blutkiste während Poser behauptet nichts von einer Blutlieferung zu wissen und er müsste das ja wissen, schließlich ist er heute ja OP-Koordinator. „Und wieso überhaupt BAA? In welchem Saal? UND WARUM HAT MAN MICH NICHT INFORMIERT?!?“
„Ham wa in der letzten Dienstminute reingekriegt, liegt frisch auf dem Tisch in E, der Saal fällt also erstmal flach. Und kannste einen frischen Kollegen vom Tag reinschicken? Der Assi vom Dienst hat Schnappatmung und will nach Hause. Ich übrigens auch, nur ohne Schnappatmung. Ach ja, und ein spritzend blutender Shunt kommt gleich aus der Dialyse…“ grummelt Grummel und verschwindet mit dem Blut. Wahrscheinlich Richtung OP E. Vielleicht aber auch direkt nach Hause. Wir haben es nie erfahren.

07:35 Zulu-Zeit – Stimmung: Schwein gehabt.
So schön, wie er in den Aufraum geweht war, wehte Poser auch wieder raus Richtung Schleuse. Man munkelt, der Blick sei noch etwas irrer gewesen als sonst.
Ich durfte meinen Saal weiter machen, leierte mit meinem Wärter alles soweit an, das wir pünktlich anfangen konnten und wir setzten uns mit einem Kaffee in den Aufenthaltsraum.
„Mann Vapor, sein se bloß froh, das der Kelch an ihnen vorbei ist.“
„Welcher Kelch jetzt?“ Ich hatte definitv noch nicht genug getrunken. Kaffee.
„Na, das geplatze Rohr. Mit Panik-Poser. Schockt doch nicht. Wir machen uns ’nen schönen Tag, ganz entspannt. Und das Kind nachher wird doch auch locker, Wunschsectio, Spinale und das Tuch hängen wir schön hoch, dann müssen wir das Gelaber von der anderen Seite da nicht ertragen….“
„Läuft!“

08:11 Zulu-Zeit – Stimmung: Nahezu Nirvana
Eine Spinale und ein halb rausgefrickeltes Metallteil später klingelt das Telefon.
„Vapor! Sie kommen gleich rein und fangen im Gyn-Saal an wenn sie mit dem Punkt fertig sind!“
„Öhm. Ja? Die nächste Patientin steht hier aber schon vor der Tür. Jung, gesund, LAMA, Eisen raus am Unterarm. Und alle ambulant hier, das gibt Geschrei wenns hier Verzögerung gibt.“
„Vapor. Nicht denken. Sie kommen rein und ich besorg einen Anästhesisten für den Saal. Ich weiß zwar noch nicht woher, aber ich mach das schon. Sie machen bitte einfach nur, was ich sage.“
„SIR, JAWOHL, SIR!“
„Sehen sie, Vapor! Geht doch!“

08:12-08:48 Zulu-Zeit – Stimmung: Abschied, Trauer, Verwirrung
Das Telefon klingelte jetzt alle 5 Minuten. Jedes mal Poser mit einem neuen Plan. Ich wurde in insgesamt 7 verschiedene Sääle disponiert, davon in zwei gleichzeitig.
Der Vorschlag einfach nach Hause zu gehen und auszuprobieren ob der Tag morgen nicht so kaputt sein würde kam leider nicht.
Tränenreich verabschiedete ich mich von meinem Narkosewärter.
Der wartenden Patientin hab ich dann ein bisschen gut zugeredet. Möglicherweise hab ich auch was von schlimmem Notfall erzählt, weswegen ich wegmusste. War ja nicht völlig gelogen. Sie hatte, Dormicum sei Dank, sogar Verständnis. Ich wünschte ihr alles Gute, hoffte still, das sie nicht in der Einleitung verhungert und schlurfte dynamisch Richtung Zentral-OP.

08:57 Zulu-Zeit – Stimmung: Gebt mir keine spitzen Gegenstände
Angekommen im Zentral-OP enterte ich wie mir zuletzt befohlen den Knochensaal und traf dort auf Doc Poser.
„Vapor, was machen sie denn hier?“
„Ich sollte hier doch… haben sie doch…“
„Und wie lange ist das jetzt her? Jedenfalls ist es nicht mehr aktuell. Ab nach Stube B, Cystektomie. Müssen sie nur noch intubieren. PD hat nicht geklappt. Viel Spaß.

09:08 Zulu Zeit – Stimmung: Beschäftigt
Patient schlafend im Saal. Arterie legen. Lagern. Abwaschen für die OP, derweil ZVK reinfrickeln.

09:17 Zulu-Zeit – Stimmung: AP-Beschwerden
Dickes dunkles Blut läuft in die Spritze zurück. Der Draht läuft locker ein. Punktionstrance. Während ich die Haut aufbohre säuselt man mir von hinten ins Ohr: „Vaporlein, Du sollst jetzt zur Sectio hoch…“
Ich dreh mich um und Blicke in das Gesicht der Kollegin, die den Saal eigentlich machen sollte. Meine blutigen Hände bewegen sich langsam auf ihren Hals zu (obwohl ich sie mag, plane ich, sie zu erwürgen und den Leichnam in ein Bett im Aufwachraum zu schmuggeln – Das perfekte Verbrechen) als ich das Grinsen unter ihrer OP-Maske sehe.
„War nur ’n Scherz. Hier, für Dich.“ Sie stellt mir ein Nitrospray aufs Narkosegerät und schiebt mir mit dem Fuß einen Hocker hin. Ich brauche beides.

09:22 Zulu-Zeit – Stimmung: Ich bin ein Gänseblüüüüümchen… -KRAISCH!!!-
Schnitt. Frage vom Operateur: „Samma, Vapor. Was ist denn da heute wieder bei euch los? Und warum haste so lange gebraucht, Du bist doch sonst nicht so’n Bremser…“
Überlege kurz, mir eins der gefrorenen Plasmen vom BAA zu holen und dem Operateur an den Kopf zu schmeissen.

16:00 Zulu-Zeit – Stimmung: Wir müssen alle sterben.
Die Diensthabende kommt um mich abzulösen.
Ich falle ihr weinend um den Hals.

Bis morgen, in alter Frische.

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  1. #1 von Krangewarefahrer am 19/03/2012 - 18:59

    Hach ja, wenn alle zukünftigen Beiträge einen so zum schmunzeln bringen habe ich glaube ich eine neue Droge😉 Ich bin also gespannt, was noch so kommt.

  2. #2 von Gedankenchaos am 11/04/2012 - 08:43

    Jetzt noch eine gehörige Portion Anästhesieinteressierter und du kannst der Heldin im Chaos bald Konkurenz machen. Macht Freude zu lesen – auch als nicht Medizinerin, aber nicht gänzlich „Unbedarfter“😉

    • #3 von docvapor am 11/04/2012 - 10:45

      Das freut einen doch zu hören🙂
      Bin (auch wenn es sich möglicherweise anders liest) aber eher für Kollegiales Miteinander.
      Ausserdem hat die Heldin Babys.
      Wir Anästhesisten haben…. Naja.
      Sie haben Babys.
      Klarer im Vorteil, würde ich sagen.

      • #4 von Gedankenchaos am 11/04/2012 - 11:11

        Stimmt – aber ob von niedlichen Babies oder geplatzten Aortenaneurysmen die Rede ist, ist letzendlich primär nicht entscheidend, so lang die „Verpackung“ stimmt.

        Wenn ein Blogger dann auch noch Kollegen à la Brüllzwerg mit ins Boot holt, hat er definitiv schon gewonnen – und wenn’s nur eine neue Abonnentin ist😉

      • #5 von Jenny am 12/04/2012 - 08:14

        Ja, Babies sind schon ein Faktor den man nicht vernachlässigen darf… Mein Kompromiss: Ich lese euch einfach BEIDE!

  3. #6 von stef am 14/04/2012 - 07:26

    Hallo erstmal, bin über den Medizinycus auf dein Blog gekommen und muss sagen, dass ich selten beim Lesen eines Artikels so gelacht habe wie gerade eben😉

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