Bumsfallera

Kurz nach halb eins in der Nacht. Frau Umgeknickt wartet in der Einleitung von Saal F darauf, daß ich den Tubus aus Herrn AkuteGalle rausziehe, ihr eine Spinale steche und sie eine Stahlverstärkung an ihren kompliziert-kaputten Knöchel gemeißelt bekommt.
Bisher war der Dienst eher Beschäftigungstherapie mit prämedizieren und operativem Klein-Klein, das entweder vom Tage übrig blieb oder gemacht werden musste.
Während ich beim Universum ein paar Stunden Schlaf bestelle, klingelt mein Diensthandy.

VAP: Vapor, Anästhesie, Abend!
GYN: Hallo Vapor! Klimperwimper, Gyn. Wir müssen eine Lapski machen. Notfall. Die Patientin blutet Hb-Wirksam, ist nüchtern.
VAP: Okay. Ich leite hier gerade noch ’ne Galle aus, als Notfall gewinnt ihr den nächsten Slot, würde ich sagen. Prämed mach ich in der Schleuse. Ich denke so in zehn Minuten ruf ich die ab. Wie ist der Hb, sind EKs in der Mache? Wo blutet sie? Und nüchtern ist ja Latte, wenns ein Notfall ist.
GYN: Die hat freie Flüssigkeit intraabdominell… Ach so, Hb… Blut hab ich keins bekommen. Ich versuch das nochmal.
VAP: Okay. Bitte auch Kreuzblut, 2 EK, E’lyte und Gerinnung, damit wir wissen wo wir herkommen. Wie sind Druck und Frequenz? Braucht sie schon Volumen, ist sie stabil? Wie gehts der im ganzen? Intensivbett?
GYN: Ach, jetzt nicht sooo schlecht, kein Intensivbett. Druck und Frequenz haben wir noch nicht gemessen. Ich leg dann beim Blutabnehmen einen Zugang. Soll sie ’ne HAES kriegen?
VAP: Klimperwimper, KEINE AHNUNG! Und mir ’ne Hb- und kreislaufwirksame Blutung anzukündigen ohne irgendwas gemacht oder gemessen zu haben finde ich frech. Sag den OP-Schwestern bescheid was ihr machen wollt. Ich muss jetzt Ausleiten, bis gleich, Tschüss.
Gyn: Ja, bis gleich.
-Aufgelegt-

Gerade will ich Dr.Grummel, meinen Hintergrund, anrufen, als das Telefon wieder klingelt.

VAP: Vapor, Anästhesiedienst. Guten Abend!
ACH: Nabend Vapor, Oberarzt Nettmann, Chirurgie, ich hab heute Hintergrund. Ich hab hier auf Station 7 eine Patientin nach Kolektomie vor sechs Tagen, die hat ’nen Platzbauch und da laufen unschöne Dinge in die Drainage, die lieber woanders rauskommen sollten.
VAP: Hinten?
ACH: Besser wärs.
VAP: Das kann man nicht so lassen, oder?
ACH: Jedenfalls nicht lange, Du Fuchs. Anastomoseninsuffizienz, würde ich sagen. Reingucken, Suchen und Spülen auf jeden Fall, bestimmt auch ein bisschen basteln. Kann auch ’ne Etappe werden. Gerne sobald wie möglich.
VAP: Okay, haben wir auf dem Zettel. Die Gynäkokokken haben noch ’ne schlimme Blutung notfallmässig, die Uschis noch ihr zerbröseltes Chef-Sprunggelenk in der Pipeline, ist schon in der Einleitung. Die lass ich aber mit Freude zurückgehen. Wer sonst erster ist, müsstest Du bitte mit dem gynäkologischen Hintergrund klären, da wissen ja beide was wir haben, oder? Ich muss hier noch die Galle von eben extubieren, sprecht euch bitte ab, wer als nächster drankommt und dann meldet euch. Ich arbeite wie immer nur auf Zuruf.
ACH: Läuft. Bis später, Vapor.
-Aufgelegt-

Herr AkuteGalle macht derweil Anstalten, sich den Tubus selbst aus dem Hals zu ziehen, wobei ich gern behilflich bin. Nachdem Herr Galle warm und trocken im Aufwachraum angekommen ist Möchte meine mit mir dienst-habende Anästhesieschwester, Tantchen, wissen, was wir als nächstes machen und was sie vorbereiten soll.
„Keine Ahnung, aber ich glaube an Bumsfallera!“ antworte ich ihr vielsagend.
„Bumsfallera?! Jetzt hat’s Dir also endlich endgültig das Hirn zerissen, Vapor?“
„Nee..“ entgegne ich „…wir machen durch bis morgen früh uuuund singen…..? Genau! Lass mich kurz telefonieren und hör genau zu, vielleicht weisst Du dann schon mehr.“

Ich hacke die Nummer von Oberarzt Grummels Kliniktelefon in die Tasten.
Freizeichen um Freizeichen ziehen ins Land, schließlich meldet er sich:
GRU: Vapor, wat is? Will die Spinale nicht so wie Du?
VAP: Keine Ahnung. Habs noch nicht versucht…
Kurz bevor er mich durchs Telefon ziehen und würgen kann, kläre ich ihn über die Nachmeldungen auf. Tantchen lauscht gespannt.

GRU: Na Super. Mit welcher Kokke haste gesprochen? Klingt ja nach Klimperwimper… Du bestellst auf jeden Fall vorerst nichts und ich guck mir die Patientin erst mal an. Das Sprunggelenk kannste mal bei den Uschis absagen, das geht auf meine Kappe. Und was wir dann machen schaun ‚mer mal. Da sollen die Operativen Streichhölzchen ziehen oder Schnick-Schnack-Schnuck spielen oder wie man das so regelt. Wo lag der Allgemein-Bauch?
VAP: So machen wir das. Auf der 7. Bis gleich.
-Aufgelegt-

„Und wat meinste, Vapor?“ möchte Tantchen von mir wissen.
„Keine Ahnung. Jedenfalls Sprunggelenk retour. Kannste schon mal abkabeln und den Transport bestellen. Und zwei RSIs kannste schonmal aufziehen und Stube C und D anwärmen für die Gynnies und die Allgemeinchirurgen.“

Mein Telefon klingelt. Mal wieder. Der Unfallchirurgische Dienst. Wie praktisch!

VAP: Vapor, Dich wollte ich auch gerade anrufen….
UCH: Kanns denn endlich losgehen mit dem Sprunggelenk?
VAP: Ich fürchte Nein. Ihr reiht euch gerade hinter allgemeinchirurgischen und gynäkologische Notfällen ein, tut mir leid.
UCH: Das wird Chefarzt Dr. Brüllzwerg aber gar nicht passen. Die Frau ist privat und er wollte das unbedingt sofort machen, Schwellung und so, sonst kann man erst in ein paar Tagen wieder bei.
VAP: Du sagst jetzt aber nicht das böse Wort mit „N“ oder?
UCH: Ich sag gar nichts. Ich muss gleich erstmal Brüllzwerg anrufen. Das wird nicht lustig und so wie ich das sehe wird er die Patientin operieren, mit oder ohne euch. Kennst ihn ja. Der reisst mir gleich den Kopf ab und steckt ihn Dir dahin, wo keine Sonne scheint…
VAP: Uhhh. Sorry for that. Nur für den Fall das die Anästhesie doch mitspielen soll muss Brüllzwerg mit dem Gyn- und dem Allgemeinchirurgischen Hintergrund Pow-Wow machen, wer wann darf. Ich mach hier jedem Narkose, der sie braucht. OP-Indikation und -dringlichkeit müsst ihr Schnippler unter euch regeln, das kann und will ich nicht.
UCH: Ich geb das mal so weiter, Vapor.
VAP: Supi, bis später!
-Aufgelegt-

Es klingelt an der Patientenschleuse. Über den langen Flur sieht man Bewegung hinter der Milchglastür. „Hätte der feine Herr Doktor mich VIELLEICHT informieren können, wenn er bestellt?“ sagt meine Tantchen mit leicht gereiztem Unterton, während wir Richtung Schleuse gehen.
„Tut mir echt Leid, aber der feine Herr Doktor hat nichts bestellt. K.A. was das jetzt wird.“
Nach einem leichten Druck auf den Wandschalter schwingt die Schleusentür auf und gibt den Blick auf ein Pateintenbett frei in dem eine ziemlich blasse, ziemlich genervt dreinschauende junge Frau sitzt. Mit einer Akte unter dem Arm steht Klimperwimper daneben.
„Sorry, Vapor. Ich hab zwar ’nen Zugang gelegt, konnte aber kein Blut abnehmen…“ sie winkt mir mit den Laborröhrchen und einem Blutgruppenschein zu, „…vielleicht könnt ihr das ja machen? Ich zieh mich dann schon mal um und komm rein, geht ja bestimmt gleich los, oder?“
Ich inspiziere die Patientin etwas genauer. Blass, strohblond und ziemlich zerstochene Arme, in der linken Ellbeuge hängt eine Rosanüle auf halb acht, an die eine HAES angeschlossen ist, die langsam, extrem langsam, tropft.
„Ähhh, Klimperwimper… Du kannst hier nicht einfach Patienten in die Schleuse schieben, wie es Dir passt. In der Regel bestellen wir, wenn wir so weit sind, was noch nicht der Fall ist. Ich bin auch nicht sicher, dass es gleich losgeht, aber das müssen wir gleich mal in aller Ruhe besprechen.“
Ich wende mich der Parientin zu.
„Guten Abend. Vapor ist mein Name, ich bin der diensthabende Narkosearzt heute Nacht. Wie geht es ihnen?“ Ich schüttel ihr, ganz Gentleman die Hand und lege dabei den Zeigerfinger, ganz Anästhesist, dahin, wo ich ihre Arteria radialis vermute. Treffer. Kräftig gefüllt, höchstens 70 Schläge in der Minute, soweit sich das so schnell sagen lässt.
„Och, war schon schlimmer“ erwiedert die Patientin, „Ich versteh auch den ganzen Alarm hier gar nicht, ich kenn das schon: Endometriosezyste geplatzt, alles schon bestimmt zehn mal gehabt…“
„Vapor, mach hin! Du siehst doch, wie blass sie ist! die hat bestimmt nur noch ’nen Hb von 6!!!“ fällt Klimperwimper ihr ins Wort.
„DESWEGEN machen sie hier so einen Aufriss? Weil ich so blaß bin?“ entgegnet die Patientin. „Könnte daran liegen, daß ich ein Albino bin, falls sie davon schon mal gehört haben. Hätte ich ihnen auch verraten, wenn sie mal was in die Richtung angedeutet hätten…“
Klimperwimper entgleiten die Gesichtszüge und sie versucht meinem Todesstrahlen-Aus-Dem-All-Blick mit dem Blutgruppenschein abzuwehren. Noch bevor ich etwas sagen kann klingelt mein Telefon wieder, Dr. Grummels Nummer blinkt im Display.
Tantchen ist nicht doof und legt derweil ein anständige Braunüle und nimmt der Patientin Blut, inklusive einer BGA, ab.

VAP: Vapor.
GRU: Ich weiß. Hör mal, ich steh hier in der Notaufnahme und die Schwestern sagen mir, Klimperwimper ist mit der Patientin Richtung OP abgerauscht. Du solltest doch nicht bestellen!
VAP: Hab ich nicht. Ist aus eigenem Antrieb soeben eingetroffen.
GRU: Und, haste ein Bild? Labor ist noch keins da, hab eben nachgeguckt. Dr. Spreizer hat heute übrigens Hintergrund und meint, Klimperwimper hat zu viel Emergency Room geguckt und ist dadurch überdramatisiert….
VAP: Grummel, wollen sie vielleicht mit Klimperwimper selber sprechen? Die steht mir hier gegenüber. MIT der Patientin. Prima vista stabil, Mitteende Zwanzig, eine fragliche Rosanüle, eine Tantchen-Geprüfte Weißnüle. Viel weiter bin ich auch noch nicht. BGA zuckelt gerade duch.
GRU: Dann gib mir mal Klimperwimper und prämedizier die Patientin schon mal. Dem Bauch von der 7 gehts echt dreckig, die wird septisch…

„Doc Grummel für Dich“ reiche ich das Telefon an Klimperwimper weiter und bin froh, jetzt nicht in ihrer Haut zu stecken.
„Hmmm…… so hundertfünfzig Milliliter….. Nein, nicht zunehmend über ca. eine Stunde… Ja, aber ich… Nein, aber ich… Aber….“ spricht Klimperwimper in das Telefon. Am anderen Ende der Leitung hört man Dr. Grummel grummeln, etwas lauter als sonst, ein abschließendes „Vapor“ dringt aus dem Gemurmel scharf an mein Ohr und Klimperwimper reicht mir still das Telefon.

VAP: Ja?
GRU: Das wird ja immer schlimmer mit der. Ist sie auf Greys Anatomy umgestiegen? Ich hab hier Nettmann und Spreizer bei mir, die sind sich einig das erst der septische Bauch und dann die Lapski läuft. Und Vapor- Tu mir und der Welt einen Gefallen und leg die Gyn-Patientin im Aufwachraum auf einen Monitorplatz und lass Klimperwimper nicht mehr in ihre Nähe.
VAP: Check. Hat eigentlich irgendwer aus der illustren Oberarztrunde mit Brüllzwerg gesprochen? Der Dienst meinte vorhin, er würde unter Umständen auch gern das Notfallfässchen für die Sprunggelenks-Fraktur aufmachen.“
GRU: „Also ich hab mit niemandem geredet….“
-Ein Gespräch klopft an-
VAP: Grummel, hier will jemand mit mir sprechen. Bleiben sie kurz in der Leitung?
GRU: Mach ich.

Mir schwante Böses.
Ich nehme das wartende Gespräch an und werde nicht enttäuscht.

VAP: „Vap…..“
UCH-CA: „VAAAAAAAPOOOOOR! DAS hab ich mir gedacht! Was FÄLLT ihnen eigentlich ein MEINE OP abzusetzen?!?!?“
VAP: „Entschuldigen Sie vielmals, Dr. Brüllzwerg aber das war ja jetzt nicht meine Idee. Sie müssen sich bitte mit Dr. Nettmann, Dr. Spreizer und Dr. Grummel kurzschliessen, ich würde doch als Unterarzt nie eigenmächtig……“
UCH-CA: „VAAAAAAAAAAAPOR! DAS wird ein NACHSPIEL haben!“
-Aufgelegt-

Ich hole Grummel zurück in die Leitung.
GRU: „War das das, was ich denke, was es war?“
VAP: „Ich versteh sie ganz schlecht, hab so ein Fiepen im Ohr. Würde übrigens nicht ans Telefon gehen, wenns gleich klingelt, das gilt auch für die beiden anderen Oberen, die da bei ihnen sind. Mir blieb nichts anderes übrig als sie zu verraten.“
GRU: (hörbar grinsend) „Hab nichts anderes von Dir erwartet, Du rückgratlose Made. Zur Strafe bestellst Du die Patientin von der 7, bringst die Gyn-Patientin in den Aufwachraum und prämedizierst die. Ich komm mit rein, ich will den Bauch von drinnen gesehen haben, wenn die auf Intensiv geht. Womit ich übrigens rechne.“
VAP: „Check, Check und Check. Bis gleich.“
-Aufgelegt-

Ich wende mich der Patientin zu: „So, jetzt haben wir das geklärt. Sie sind die übernächste auf unsere Liste.“ Klimperwimper stampfte hörbar mit dem Fuß auf.
Die Schleusentür Richtung OP-Flur öffnet sich, Tantchen kommt mit dem Ergebnis der BGA: „Hb ist 12,8. Kann Blutspenden gehen. Hinter den ganzen anderen Zahlen sind zumindest keine Pfeile nach oben oder unten also scheint soweit alles im Lot. Ich mach dann mal in C das Licht aus und in D an, damit sich keiner verirrt.“ Sie drückt mir den Zettel in die Hand. „Ach ja, und Frau Umgecknickt ist wieder auf Station.“ sagt sie und verschwindet wieder Richtung OP-Flur.
Irritiert wende ich mich wieder an die Patientin: „Also Kollegin Klimperwimper bringt sie gleich in den Aufwachraum, und dann sprechen wir nochmal über ihre Narkose.“
„Das wird so in etwa meine zehnte Bauchspiegelung. Intubieren…“ -sie öffnet ihren Mund und streckt mir die Zunge raus: Mallampati I, gepflegte, stabile Kauleiste- „…dürften sie mich können. Ausser Endometriose gesund, sicher nicht schwanger, ich rauche auf Partys, manchmal auch Crack, trinke ab und zu einen Sekt, nehme keine Medikamente regelmässig, und hab keine bekannten Allergien. Ach ja, und Treppen steigen kann ich auch, bis zu vier Stockwerke ohne das die Luft knapp wird oder ich ein Druckgefühl in der Brust kriege. Das mit dem Crack war ein Scherz und auch ein Test ob sie mir überhaupt zuhören und wenn sie mir vor der OP die richtigen Tabletten geben kotz ich ihnen und ihrer Kollegin auch nicht den Aufwachraum voll. Gegessen hab ich zuletzt heute Mittag, getrunken zuletzt um Acht. Ich will nichts davon hören, dass sie mir möglicherweise die Zähne raushebeln und was sonst noch alles so passieren kann. Haben sie noch irgendwelche Fragen?“ – „Noch andere Drogen ausser Crack?“ – „Blödmann. Wo muss ich unterschreiben?“
Klimperwimper fährt sie in den Aufwachraum, wo ich sie mit den Papieren in Empfang nehme und der Wachschwester eine kurze Übergabe mache. Danach rufe ich den Transportdienst an und bestelle die Patientin von der 7.
Klimperwimpers Telefon klingelt. Sie geht ran, hört kurz zu, flötet ein „Ich komme schoooon!“ in den Äther und teilt uns mit feuchten Augen ungefragt mit was sie zu tun gedenkt: „Hach, eine Geburt wie schön!“ Ihre Stimme überschlägt sich fast. Sie wirft der Patientin einen missmutigen Blick zu, macht auf der Hacke kehrt und verlässt mit einem „Macht viel mehr Spaß als alles andere an diesem Job…“ den Aufwachraum.
Die Wachschwester, die Patientin und ich wechseln einen kurzen Blick. Wir verstehen uns auch ohne Worte. Herr AkuteGalle meldet sich vom Platz gegenüber: „Was war das denn?“
Die Wachschwester möchte ihn verlegen, Herr AkuteGalle fühlt sich fit. Ich kann dem nur zustimmen.
Kurz darauf klingelt es wieder an der Schleuse.
„Die Patientin von der Siiiiiiiiiiiieben würde ich sagen! Vapor, kommste mit umlagern?“ flötet es aus der Narkoseküche. „Selbstverständlich, wertestes Tantchen!“
Gemeinsam mit dem Transportdienst schubsen wir die doch etwas fülligere Patientin mit Hilfe eines Rollbrettes auf den OP-Tisch und erreichen ein paar beruhigende Worte darauf die Einleitung von Saal D.
Dankenswerterweise hat die Patientin als Andenken an ihre erste OP schon einen ZVK mitgebracht. Weil sie als prä-septisch angekündigt wurde und mir tatsächlich hämodynamisch nicht ganz sauber vorkommt bekommt sie noch vor Einleitung eine arterielle Kanüle in ihr Speckärmchen gefrickelt. Als das Gefäß getroffen ist und müde etwas Blut aus der Kanüle pulsiert scherzt sie noch: „Jetzt lassen sie mich aber nicht schon vorher verbluten!“
Obwohl mir ihr Galgenhumor gefällt entschließe ich mich noch, auch vor der Einleitung, eine Magensonde zu legen, diese Abzusaugen und dann wieder rauszuziehen, bevor es ans einschlafen geht. Sie hasst mich jetzt mit Recht bis ans Ende ihrer Tage. Ich bin mir aber sicher, das sie es mir übler genommen hätte, wenn sie die anderthalb Liter Galle-Soße aspiriert hätte.
Während Schwester Tantchen die Patientin in den Saal fährt rufe ich Nettmann an und teile mit, das wir Einleiten. Er versichert gleich zu kommen und reicht das Telefon an Grummel weiter:

GRU: „Wie isses?“
VAP: „Ist komplett instrumentiert, Prä-Magensonde mit ein, zwei Litern Galle ist wieder raus. Notfalllabor soweit okay, Hb 10.1, Kalium 3.4. Klassische RSI, Sufenta, Propofol, Megadosis Esmeron und Schnarchgas. Sie haben sie ja vorhin selbst gesehen, erwarte keine Schwierigkeiten. Vor vier Tagen konnte Frl. Sandmann problemlos Beuteln und Intubieren.“
GRU: Vapor, Du sabbelst zu viel und vor allem zuviel, das ich schon weiß. Grünes Licht für Dich – UND WEHE DU BAUST SCHEISSE!
VAP: So wie immer?
GRU: Du weißt doch, ich will Dich nur motivieren. Ich komm auch gleich rein, also hast Du nicht viel Zeit die Patientin umzubringen. Und jetzt gib Gas.
VAP: So wie immer?
GRU: Womit hab ich Dich eigentlich verdient?
VAP: Schlechtes Karma, würde ich….
-Aufgelegt-

Eine bisschen Sauerstoff, ein paar Medis und einen ehrlichen 8er-Tubus später läuft alles, auch ein bisschen Arterenol, als die Schiebetür zum Waschraum sich öffnet.
Nettmann wäscht sich direkt und überlässt das Lagern den OP-Schwestern.
Grummel betritt den Saal und verschafft sich einen kurzen Überblick.
„Mann Vapor! Sogar das Loch getroffen, wo das Kohlendioxid rauskommt! Und Kreislauf hat ’se ooch! Hat Dir etwa ein Narkosearzt geholfen?“
Ich schaue auf die Uhr und notiere: Freigabe durch Anästhesie 01:19 Uhr.

Die weitere OP wird, vor allem für die Patientin, nicht besonders lustig. Die primäre Anastomose ist hohchgegangen, fiese jauchige Peritonitis. Und ja, das riecht im OP so wie es klingt.
Als Grummel genug gesehen hat, bucht er freundlicherweise das Intensivbett und verdrückt sich dann: „Frische Luft schnappen.“
Die Sepsis versucht derweil unsere Patientin aus dem Spiel zu foulen, wird aber von Nettmann und mir an verschiedenen Fronten mit gestrecktem Bein, Blutgrätsche und einem saftigen Hackentritt daran gehindert.
Nach etwa zwei Stunden einigen wir uns mit dem Universum auf ein vorläufiges Remis und vertagen die Entscheidung auf einen unserer dienstfreien Tage. Die Sepsis mokiert, sie hätte kein Frei die nächsten Tage, wird aber von Nettmann und mir überstimmt, womit auch das Unviersum einverstanden ist. Naht 03:26h.
In der Schleuse erwarten uns Grummel, und ein immer gut gelaunter Krankenwärter von der Intensiv. Nettmann und ich machen unsere Übergabe. Nettmann muss allerdings versprechen, später noch mal auf der Intensiv vorbeizuschauen und eine Zeichnung zu machen, damit man auf Intensiv wenigstens ganz grob weiß, was er in dem Buch gemacht hat.
Grummel verrät mir kurz noch den weiteren Plan für die Nacht: Gyn-Lapski und dann das Sprunggelenk mit einem extrem gut gelaunten Dr. Brüllzwerg.
Mit vereinten Kräften wuppen wir die Patientin übers Rollbett in ein frisches Intensivbett.
Noch während ich mich am Tubus festklammere klingelt -mal wieder- das Diensttelefon.
„Is nicht wahr!“ entfährt es Tantchen.
Grummel fummelt das Telefon aus meiner Kasack-Tasche. Die Information, das „KRS-ARZT“ auf dem Display steht, versackt scheinbar auf halber Strecke von meiner Retina zum visuellen Kortex, denn ich fange nicht an, mich zu übergeben.
„Wer hätte das gedacht um diese Zeit!“ höre ich Grummel sagen.
Mir schwant schlimmes. Jetzt ein bisschen übergeben? Noch zu früh.
„Eilig oder Notfall? …. Alles klar, Klimperwimper, Vapor kommt gleich zu euch hoch“ er grinst mich mitleidig an.
„Der Plan bleibt derselbe, Vapor. Plus: Du darfst Klimperwimper erst noch helfen ein Kind auf die Welt zu bringen. Das machst Du erstmal allein, ich halt die heute Nacht nicht mehr aus. Spinale wenn möglich, eilig. Hacken innen Teer!“
Ich schaue zu Tantchen.
„Bumsfallera!“ sagt sie nur und ahnt nicht mal Ansatzweise, wie recht sie damit hat.

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  1. #1 von stega am 21/03/2012 - 19:37

    zu geil, einfach zu geil! Super geschrieben, köstlich amüsiert. Ob ich nicht doch auf die andere Seite des Vorhangs wechseln will?😀 Oder will ich ein kleiner Brüllzwerg werden…. mhhh

  2. #2 von docvapor am 21/03/2012 - 20:16

    Als Brüllzwerg muss man aber wirklich WIRKLICH klein sein😉

    • #3 von stega am 21/03/2012 - 20:17

      oh mist, dann gehts nicht. dann werd ich Schrei-Lullatsch😛

  3. #4 von minuq am 21/03/2012 - 21:10

    Wirklich lesenswerter Blog seit dem ersten Post und so wie bei diesem hier habe ich schon lange nicht mehr lachen müssen.🙂

  4. #5 von mrblabla am 22/03/2012 - 08:26

    Herrlich, ganz ganz großes Kino! Sehr gelungen, Herr Vapor!

  5. #6 von MrBlabla am 22/03/2012 - 08:28

    Herrlich, ganz wunderbar großes Kino! Weiter so, Herr Vapor!

  6. #7 von Budenzauberin am 22/03/2012 - 08:33

    Ich bin jemand, der normalerweise beim Blutabnehmen ohnmächtig wird und sich bei Arzt-Dokus die Hand vor die Augen hält und nur zwischen zwei Fingern hindurchlinst -mit diesem Blog und der wunderbaren Schreibart habe ich meine persönliche „Konfrontationstherapie“ begonnen und sie scheint bereits zu wirken, denn: Lachen ist die beste Medizin!
    Wobei mir selbstverständlich bewußt ist, daß es „vor Ort“ sicher nicht immer so lustig zugeht wie hier beschrieben. Ich habe großen Respekt vor allen Menschen, die diesen und ähnliche Berufe ausüben – Danke, daß es euch gibt!

  7. #8 von Chirurgenwelpe am 24/03/2012 - 13:24

    Ich finds eigentlich gar nicht lustig, sondern die bittere Wahrheit! Bei uns haben zum Glück die Unfallchirurgen ihr eigenes OP-Team incl. eigenem Narkotiseur.
    Dafür müssen wir (Viszeralchirurgen) uns dann immer mit der Augenklinik „einigen“. Die dann so gegen 18:00 :“Wir hätten da noch so nen Notfall…“ Wir dann so: „ja, wir sind wahrscheinlich mit dem akuten Abdomen so in 3 Stunden fertig“ Die dann so: „Ach dann planen wir das für morgen“. Top.🙂

    • #9 von docvapor am 24/03/2012 - 20:10

      Bei uns teilen sich ALLE operativen ab spätem Abend und am Wochenende einen Sandmann, nur für die Notsectio wird manchmal der ICU-Kollege aktiviert, aber auch nur, bis der Schlafarzt frei ist. Wir sind also schon ein bisschen der Flaschenhals.
      Und es ist oft ein bisschen putzig zu sehen, wie die Definition von „Dringlich“ sich mit voranschreiten der Zeit Richtung frühe Morgenstunden ändern kann…🙂

  8. #10 von Jane Doe am 06/04/2012 - 15:21

    ROFL…einfach genial, herrlich, you made my day

  9. #11 von heldinimchaos am 09/04/2012 - 09:38

    Auch wenn die Gynnies extrem schlecht wegkommen: GROSSARTIGES Blog!!! *thumpsup*

    Und – gibt es bitte-danke auch noch eine Fortsetzung…?! *klimperwimper*

  10. #12 von nadineswelt am 10/04/2012 - 21:09

    Klimperwimper erinnert mich an Bambi von der Heldin. Irgendwie. Gibts da mehrere von der Sorte? Hülfä!
    Ansonsten: Super geschrieben!

    • #13 von docvapor am 10/04/2012 - 21:19

      Ich glaube, das Modell „Niedlich und kann nix, weiß aber, daß sie niedlich ist und nutzt das aus“ wird nie aus der Mode kommen jnd existiert branchenübergreifend….

      Mehr dazu morgen!

    • #14 von sanne am 16/04/2012 - 20:01

      das dachte ich auch grad

  11. #15 von Gedankenchaos am 11/04/2012 - 09:46

    Dr. Brüllzwerg… einfach genial! Erinnert sehr an das HB-Männchen der 70er-Jahre-Werbung ;-D

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