Selektive Wahrnehmung

Auf dem Parkplatz einer Wohnblockanlage haben die Kollegen soeben die Trage mit dem Patienten im RTW verlastet. Ich war noch kurz mit meinem Chauffeur zum NEF gegangen, um mir die BTM-Tasche aushändigen zu lassen.
„Entschuldigen sie, junger Mann?“ spricht mich auf halbem Weg zurück eine hutzelige ältere Dame an. Ich lächle sie freundlich an und mache berufskrankheitsbedingt einen schnellen Check-Up: 70-80 Jahre, am Rollator mobil. Ein bisschen viel Wasser in den Beinen trotz Kompressionsstrümpfen und ein bisschen kurzatmig. Bis bald zum Schenkelhals oder zum nächsten Lungenödem. Akut scheint sie mich aber nicht so nötig zu haben wie der Infarktpatient im RTW, deshalb bin ich relativ kurz angebunden: „Was ist denn?“

„Also letzte Woche…“ setzt sie an. „Bitte nicht DAS, nicht JETZT!“ denke ich mir.
„Also letzte Woche als ihre Kollegen hier waren, da haben die unsere Biotonne einfach nicht ausgeleert!“
„Warum sollte der Rettungsdienst auch ihre Biotonne ausleeren?“ frage ich zurück, verfluche innerlich sowohl unsere Dienstkleidung als auch ihren Grauen Star.
„Ich hab auch schon bei den Stadtwerken angerufen, die haben aber irgendwie eine neue Nummer. Und jetzt, wo sie gerade da sind, können sie doch…“
„Entschuldigen sie, junge Frau, aber…“ falle ich ihr ins Wort um das ganze ein bisschen abzukürzen, „…auch wenn wir so aussehen, wir sind nicht von der Müllabfuhr sondern der Rettungsdienst. Manchmal müssen wir uns auch mit biologischem Abfall beschäftigen, aber nicht so, wie sie jetzt wahrscheinlich denken. Vapor ist übrigens mein Name, Notarzt, und wir haben hier einen Einsatz und ich würde gerne meinen Patienten versorgen. Tut mir leid, nicht unsere Baustelle.“
Ich halte die Situation für ausführlich genug dargelegt und wende mich von ihr ab und wieder dem Einsatzgeschehen zu.
„Sie sind aber ganz schön unfreudlich!“ ruft sie mir hinterher. Mit dem Vorwurf kann ich leben und habe auch keine Lust ihn jetzt aus der Welt zu schaffen.
Kopfschütteld betrete ich den RTW und mache ein bisschen Medizin.
Wir sind gerade abfahrbereit als es von draussen an die Seitentür des RTW klopft.
Ein Kollege öffnet die Tür, ich sehe einen mir seit kurzem bekannten Rollator und höre eine mir seit kurzem bekannte Stimme: „Zum Glück sind sie nicht dieser unfreundliche Junge Mann! Hätten sie noch eine Rolle Gelbe Säcke für mich?“
Der Kollege steigt aus und braucht etwas länger als sonst um auf dem Fahrersitz Platz zu nehmen.
„Was hast Du ihr gesagt?“ frage ich durch das Schiebefenster in die Fahrerkabine. „Ich hab gesagt, sie soll bei den Stadwerken anrufen und sich beschweren!“
Als wir vom Hof rollen, sehe ich durch die Rückfenster, wie die Rollatordame mit zusammengekniffenen Augen Richtung RTW linst und etwas auf einen kleinen Notizblock schreibt.
Wahrscheinlich notiert sie sich die neue Kurzwahl der Stadtwerke, die jetzt groß auf jedem Müllwagen steht.
Es sind nur drei Ziffern.
112.

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  1. #1 von ich am 28/03/2012 - 08:20

    Hihi….als hier vor einigen Jahren der RD die neue Dienstkleidung bekommen hat, durften sich die Kollegen auf der Wache auch öfters anhören, wo denn die Tonne steht. 😀

    Von so einer Verwechslung im Einsatz hat aber noch keiner berichtet.

  2. #2 von Krangewarefahrer am 28/03/2012 - 10:10

    Hach, schön. Auch wenn unsere Dienstkleidung laut manchen Kollegen wirklich Ähnlichkeiten mit der der Müllabfuhr hat (wir haben zum Glück nur die orangenen Jacken, nicht die Hosen) ist mir sowas zum Glück noch nie passiert.
    Ich werde in Zukunft aber mal drauf achten, ob die Müllabfuhr neuerdings auch blaue Lichter am Dach hat.
    Und heute Abend muss ich auf der Wache mal gucken, ob ich irgendwo noch gelbe Säcke finde. Brauche ich nämlich auch😉

    • #3 von Kiki am 28/03/2012 - 19:39

      Ja, es gibt wirklich Müllabfuhr mit Blaulicht, wie das kommt & wo ich das gesehen hatte weiß ich leider nicht mehr, aber ich bin hoffentlich in der Lage, die zwei Vereine zu unterscheiden😀

      • #4 von zbygnev am 28/03/2012 - 23:17

        Moin,
        frag‘ mal die Jungs und Mädels von der Hamburger Elbtunnelfeuerwehr. Die haben sogar ’nen Abschlepper mit Senatsreklame, und durften sich eine ganze Weile das „Ihr seht aus wie von der Stadtreinigung“-Geläster von den Kollegen anhören, weil sie anstelle des in HH üblichen schwarz+Reflex orange+reflex als Einsatzkleidung getragen haben.

  3. #5 von Frank am 28/03/2012 - 19:24

    Müllmann ist ein ehrenwerter Beruf. Die haben weniger Leichen im Keller als so mancher Oberarzt.

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