Sag bloß!

„Keine Ahnung, wo Doc Schneidzuviel da genau reingeschnitten hat. Fürchte aber, er hat sein Fachgebiet mehr als nur ein paar Zentimeter verlassen und selber noch kein genaues Bild. Ist ja auch dezent unübersichtlich mit dem ganzen Blut da in dem Bauch.“ gebe ich Doc Puschel zu verstehen, warum ich ihn zu mir in den Saal gerufen habe.
„Ach, da ist noch Blut im Bauch? Sieht aus, als sei das alles im Sauger… Was haben wir denn bisher?“ möchte er von mir wissen.
„Eine Rosanüle von Station und eine weiße von uns. Bisher 1,5 Liter Kristalloid, das erste Kolloid läuft, bevor das losging etwa 300ml Blut im Sauger und die ganze Zeit stabil. Ausgangs-Hb um Elf-Komma, Gerinnung normal. Naja und vor ein paar Minuten…“ meine linke Hand zeigt nach jenseits der Blut-Hirn-Schranke, während ich die rechte flach in Richtung Sauger ausstrecke und eine Bewegung von unten nach oben mache.
Puschel versteht, verschafft sich kurz einen Überblick und fragt: „Wo ist eigentlich ihre Pflege?“
„Tantchen setzt gerade ’nen Arterenol-Perfusor an, bereitet ZVK und Arterie vor und bringt das Kreuzblut an die Schleuse und hoffentlich die bestellten Notfallkonserven mit. Sie wissen ja, Tantchen ist noch das alte Modell mit nur zwei Armen, da kann das schon mal etwas dau….“ antworte ich ihm just als die Schiebetür zur Einleitung sich öffnet und Tantchen zwei vollbeladene stumme Schwestern mit den Füßen vor sich her in den Saal schiebt. Unter dem linken Arm klemmt der Arterenolperfusor und in der rechten Hand hält sie einen frisch ausgedruckten BGA-Zettel. „Ich hab gehört hier verblutet einer?“ sagt sie trocken in die Runde. „Ja, Dr. Schneidzuviel tut sein Möglichstes!“ erwidert Puschel ernst.

Schneidzuviel hat die Erwähnung seines Namens mitgeschnitten und schaut kurz in die Runde. „Es blutet, so viel kann ich sagen…“ setzt er an. „Wären wir so NIE drauf gekommen!“ raunt Tantchen mir ins Ohr. „…und so richtig Übersicht hab ich auch noch nicht…“ fährt er fort, was Tantchen mit einem kaum hörbaren „Auch das hätten wir NIE bemerkt…“ quittiert. „…jedenfalls nicht arteriell, aber auch nicht unerheblich.“ schließt Schneidzuviel ab und wendet sich wieder dem Situs zu.
Puschel, Tantchen und ich fangen jetzt auch an zu Arbeiten.
Zwei dicke Braunülen, einen Highflow-ZVK, eine arterielle Kanüle und 12 Erythrozytenkonzentrate später ist die Patientin leidlich stabil.
Finden wir.
Der Monitor meint, die Herzfrequenz wäre zu hoch und der Blutdruck zu niedrig und tut seinen Unmut durch regelmäßiges Alarmen kund, was abwechselnd von Tantchen und mir durch Druck auf den Alarm-Pause-Knopf für zwei Minuten unterbrochen wird, Puschel stören die Alarme nicht weiter, wahrscheinlich hat er sie schon zu oft gehört, als dass es ihn noch jucken würde.
Er instruiert Tantchen und mich: „Den Druck können sie bis 80 tolerieren. Sie bauen hier noch den Level-1 auf und hauen dann erstmal sechs Plasmen rein, dann machen sie ’ne Gerinnung und danach weiter Plasmen und EKs im Verhältnis 1:1. Wenn die Thrombozyten da sind: Rein damit. Gern auch noch mal zwei bis vier Gramm Fibrino…“
„SAMMA!“ fällt Schneidzuviel ihm über die Blut-Hirn-Schranke wütend ins Wort „KÖNNTEN WIR HIER MAL RUHE IM SAAL HABEN? HIER BEI UNS GEHT ES UM LEBEN UND TOD!“
Tantchen schaut fragend erst zu Puschel, dann zu mir. Wir nicken beide.
„Ach soooo ist das! Hätten wir so NIE mitbekommen!“ sagt sie, diesmal für alle Anwesenden deutlich hörbar und fährt fort: „Wir machen total entspannt Kaffekränzchen. Keks für sie, Schneidzuviel?“
Puschel verlässt fluchtartig den Saal.
Ich ziehe den Kopf ein.
Die Instrumente fliegen tief heute.

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  1. #1 von gotsassaufeinemast am 27/04/2012 - 10:31

    Kann man sich Tantchen eventuell mal ausleihen? Mit der würde ich nämlich echt gern wirklich mal Kaffeekränzchen halten😀

    Wieder mal eine sehr schöne Geschichte und herrlich geschrieben, mein lieber DocV.

  2. #2 von Ex-Onkelchen am 27/04/2012 - 11:28

    Also der ganz normale Wahnsinn…
    Was ist denn bei euch ein Highflow-ZVK – 16er Shaldon?
    Und da das Level One schon steht: Kennt hier jemand das R.I.S.
    Und hau nicht so auf dem Tantchen rum… In der Ruhe liegt die Kraft :-)))

    Ex-Onkelchen

    • #3 von docvapor am 27/04/2012 - 13:27

      Das RIS von Hemonetics? Nur aus Erzählungen, hatten wir hier im Haus wohl, bevor das LvL1 angeschafft wurde.
      Der „Highflow-ZVK“ ist glaube ich 12F mit drei Lumina, 1x18G und 2x12G wenn ich mich recht entsinne… Genug Fluss über die dicken Lumen jedenfalls für Austauschtransfusionen und auch mal ein bisschen CVVH🙂
      UND: Ich auf dem Tantchen rumhacken? Niemals!

  3. #4 von lavendelkinder am 27/04/2012 - 12:24

    Na, da möchte man sich doch gleich auf den Tisch legen. Sehr angenehm, wenn eine OP als Kaffeestündchen serviert wird. Die Patienten nehmen sicher gern einen Keks i.v.!
    Und fliegendes Besteck kann vorkommen, passiert bei der schönsten Kaffeetafel.

    Kekse sind ja auch gut für den Blutdruck.
    Lasst Doc Schneidzuviel das nächste mal lieber die Torte anschneiden, nicht den Patienten!
    Beste Grüße,
    Britta

  4. #5 von Nadine am 27/04/2012 - 21:13

    Ich mag Tantchen. Darf ich mir die bitte ausleihen, sollte ich je operiert werden müssen?

  5. #6 von ein angeschmierter am 01/05/2012 - 18:09

    und, wird der patient davon was erfahren, oder wird das ganze als unvermeindliche komplikation dargestellt und somit unter den tisch gekehrt?

    • #7 von docvapor am 01/05/2012 - 18:42

      Da gibt es überhaupt nichts unter den Tisch zu kehren:
      Blutungen / Gefäßverletzungen sind typische Risiken einer Operation, die
      1. im Rahmen der Aufklärung besprochen werden
      2. auch ohne großen medizinischen Sachverstand nicht ganz weit hergeholt sein sollten
      3. auch bei größter Sorgfalt unvermeidlich sein können.

      Zudem wird der Patient wahrscheinlich Fragen haben, wenn er auf der Intensivstation wach wird und nicht wie geplant den Weg OP-AWR-Zimmer nimmt….

  6. #8 von Gedankenchaos am 13/05/2012 - 17:49

    Alptraum hoch 10! Irgendwie ist man als Patient ja geneigt alle nur möglichen Komplikationen zu verdrängen – so zumindest meine Erfahrung als Patientin. Aber sag mal – so halb off topic: Welche möglichen Indikationen gibt es für einen arteriellen Zugang intraoperativ? Diese Frage beschäftigt mich hier und da schon seit zwei Jahrzehnten und eine neutrale sachliche Antwort wäre schon interessant.

    • #9 von docvapor am 13/05/2012 - 18:49

      Eine Arterie benutzt man ja zur „blutigen“ Blutdruckmessung also Druckmessung ohne Zeitverzögerung von Herzschlag zu Herzschlag.
      Bei bestimmten OPs macht man das immer (zB in der Kardio- und Intrakraniellen Neurochirurgie) und bei hämodynamisch instabilen Patienten oder Patienten mit schweren Herzvorerkrankungen,, weil man zeitnah den genauen arteriellen Druck zur Therapiesteuerung mit kreislaufwirksamen Medikamenten und zur Berechnung weiterer physiologischer Daten braucht.
      Ausserdem kann man anhand arterieller Blutproben (sog. Blutgasanalysen) die Beatmung bei längeren OPs oder auf der Intensiv steuern und bekommt anhand der Werte noch eine grobe Aussage über die Gewebeperfusion, Sauerstoffauschöpfung etc.pp.
      Man muss dann, bei liegendem arteriellen Katheter nicht jedesmal neu (und wieder potentiell risikobehaftet) stechen.

      Also kurz: Immer wenn die Nichtinvasive Blutdruckmessung zu träge ist oder um häufige arterielle Punktionen zu vermeiden.

      • #10 von Gedankenchaos am 13/05/2012 - 19:19

        Dank dir für deine erschöpfende und informative Antwort. Bei mir wurde damals eine Strumektomie gemacht (SD-Überfiunktion) – keine schweren Vorerkrankungen, schon gar keine kardialen. Auf meine Frage warum der art. Zugang nötig war, wurde mir geantwortet, dass mein Blutdruck intraoperativ so labil gewesen wäre. Musste ich ja notgedrungen so hinnehmen, obwohl es mir schon etwas merkwürdig erschien, dass der Blutdruck dann direkt arteriell gemessen und überwacht wird.

  7. #11 von L9 am 30/06/2012 - 17:36

    Na super. Und ich muss übernächste Woche ins Krankenhaus. OP😦 Ich sags ab….

  8. #12 von blogwesen am 08/11/2012 - 21:11

    Resolute Altkrankenschwestern sagen eben genau was sie denken…Was wäre auch ein Krankenhaus ohne die ??? Gibt es hier eigentlich nochmal irgendeine Geschichte im Blog…???

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