Archiv für die Kategorie Alltag

Nicht vom Fach

Nach einem Intensiv-Nachtdiensttörn findet meine Freundin mich, als sie von der Arbeit nach Hause kommt bedingt ansprechbar auf dem Sofa. Jede andere hätte wahrscheinlich den Notarzt gerufen, sie aber kennt den Anblick schon, gibt mir einen Kuss auf die Stirn und fragt mich wie meine Nacht war. „Mrglgrb. Mraa. Grmbl.“ antworte ich.
Sie riecht gut. Ich nicht, also geht sie erstmal in die Küche und macht Abendbrot für sich, Frühstück für mich.
Während sie in der Küche werkelt sortiere ich mich und meine zweieinhalb verbliebenen funktionierenden Neurone und bin gerade rechtzeitig zur gemeinsamen Nahrungsaufnahme damit fertig.
Sie weiß genau, was ich brauche, nimmt die Fernbedienung und schaltet den Fernseher ein: „Simpsons, Süsser!“
Wir lauschen also beim Essen dem letzten verbliebenen großen Philosophen unserer Tage, als irgendwann die unvermeidliche Werbeunterbrechung und eine Vorschau für die folgende Galileo-Sendung kommt. Dort ist heute Sprengstoff das Tagesmotto und ziemlich reißerisch kündigt man an: „…und wir erklären ihnen, warum auf jedem Rettungswagen in Deutschland ein Fläschchen [dramatische Betonung] NITROGLYCERIN [/dramatische Betonung] mitfährt!“
Von schräg rechts schaut man mich fragend an. „Stimmt das?“ will man von mir wissen.
Sie hat übrigens nichts mit Medizin zu tun, ausser, das sie ab und zu krank ist, nichts ernstes zum Glück. Ansonsten macht sie viel Prozentrechnung.
„Ja, das stimmt schon…“ antworte ich, immer noch etwas verschlafen und nehme einen Schluck Milch.
Sie nutzt die kurze Pause, um mir ihre Theorie bezüglich des Nitros vorzutragen: „Damit sprengt ihr doch bestimmt immer die Dicken aus ihren Wohnungen frei!“
Ich hole einen Lappen.
Und ich werde das bei nächster Gelegenheit ausprobieren.

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Mordlust

Das Kissen fühlt sich kratzig an, aber das ist mir egal. Nach elf Stunden ohne richtige Pause im OP hab ich mir das Bett im Dienstzimmer wirklich verdient, finde ich.
Das Diensthandy teilt mir klingelnd mit, das jemand das anders sieht.
Jemand im Kreissaal. Wer auch sonst um halb drei Uhr Nachts.
„Vapor, Anästhesie, stets zu Diensten!“ melde ich mich und klinge dabei nur halb so kaputt, wie ich wirklich bin.
„Ach Vapor, schön das Du noch wach bist! Klimperwimper, Gyn!“ schallt es mir für die späte Stunde viel zu gut gelaunt entgegen.
Zu meiner Müdigkeit gesellt sich ein Quäntchen Genervtheit: „Klimpewimper, wach ist so ’ne Sache. Was haste denn? Sectio?“
„Neeee!“ schallt es aus dem Hörer, als sei das das abwegigste vom Abwegigen, das eine Gynäkologin, die Nachts einen Anästhesisten anruft sectionieren will. „Neeeee! Ich will hier ’nen PDK legen und wollte fragen, ob das geht.“ flötet es mir, weiterhin allerbest gelaunt entgegen.
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Alles zu seiner Zeit

Freitag, letzter Punkt in Saal D.
„Wir sind hier dann auch demnächst fertig!“ dringen die Worte des Operateurs an meine müden Ohren. „Naaaaaaaaaa endlich!“ denk ich mir, lege die Narkosebravo zur Seite, stehe auf, lege eine Hand auf den Stoppknopf des Propofolperfusors und werfe einen interessierten Blick über das Tuch.
Tatsächlich scheint das Ende der an Dramatik kaum zu unterbietenden Leistenhernien-OP bei einem ASA-I-Patienten absehbar: In der Tiefe des Inguinalschnittes blitzt rund um den Samenstrang ein liebevoll eingestepptes Vicrylnetz auf. Sieht für mein ungeübtes, trübes Anästhesistenauge so ähnlich aus wie sonst immer, kurz bevor die chirurgischen Kollegen sowas zunähen. „Spülung, Subkutan“ bestellt der Chirurg bei der OP-Schwester.
Er scheint es also ernst zu meinen. Ich rekapituliere also einmal im Stillen für mich: Relativ jung, relativ gesund, 25+15 Mücken Sufenta auf gute 80kg und etwa 80 Minuten Seit Einleitung, Prämed-Dormicum müsste raus sein, könnte alles klappen. Also reduziere ich das Propofol schon mal von 6mg/kg/h auf 3, dreh 100% Sauerstoff rein, regel den Flow etwas hoch und die Beatmung so nach, das der Patient die Chance zur assistierten Spontanatmung hat – ich bin ja eigentlich gar nicht so.
SpülSchlürfSpülSchlürf-StichStichStich – Pünktlich zum letzten Drittel der Subkutannaht setzen die ersten Bemühungen des Patienten wieder aktiv selbst am Gasaustausch teilzunehmen ein, was absolut in meinem Sinne ist.

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Ein schöööner Tag….

War heute eigentlich Montag? Hätte ein Tavor-Leckstein geholfen? Falls ja, wer hätte ihn bekommen? Kann und sollte man der Klimaanlage Haldol beimischen?
Fragen über Fragen, die sich so wahrscheinlich nicht mehr abschließend klären lassen, denn auch dieser Tag ging für alle überraschend irgendwann einfach vorbei – aber fangen wir doch von vorne an…

06:47 Uhr Zulu-Zeit – Stimmung: Lass mich in Ruhe, ich will ins Bett…
Betrete die Klinik durch den Haupteingang. Früh-Saal A mit Kinder-HNO, danach ein bisschen unfallchirurgisches Kleinklein. Kumulierte OP- Zeit ca. 2,5 Stunden, wenn ich mich recht an den Blick auf den OP-Plan gestern erinnere – frührer Feierabend winkt also.
Feststellung: Möglicherweise etwas knapp dran für Umziehen (weiß), Umziehen (grün), Zugang legen und Tubus reinmachen für eine Adenotomie bei einem Zweijährigen wenn um 7:00 Schnitt sein soll. Zum Glück pflegt mich heute ein ganz alter Narkosewärter, der würde das auch ohne mich hinkriegen…

06:54 Uhr Zulu-Zeit – Stimmung: Je eher daran, je eher davon!
Habe beschlossen, auf eines der beiden Umziehen zu verzichten und stehe hygienisch einwandfrei in grün gewandet im Saal. Allein. Mutterseelenallein.
„Haaaloooo?“ rufe ich vorsichtig. Keine Antwort aus der Dunkelheit.
„Haaaaaaalloooo?“ Man soll ja nicht gleich beim ersten Mal Aufgeben. Nichts.

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