Selektive Wahrnehmung

Auf dem Parkplatz einer Wohnblockanlage haben die Kollegen soeben die Trage mit dem Patienten im RTW verlastet. Ich war noch kurz mit meinem Chauffeur zum NEF gegangen, um mir die BTM-Tasche aushändigen zu lassen.
„Entschuldigen sie, junger Mann?“ spricht mich auf halbem Weg zurück eine hutzelige ältere Dame an. Ich lächle sie freundlich an und mache berufskrankheitsbedingt einen schnellen Check-Up: 70-80 Jahre, am Rollator mobil. Ein bisschen viel Wasser in den Beinen trotz Kompressionsstrümpfen und ein bisschen kurzatmig. Bis bald zum Schenkelhals oder zum nächsten Lungenödem. Akut scheint sie mich aber nicht so nötig zu haben wie der Infarktpatient im RTW, deshalb bin ich relativ kurz angebunden: „Was ist denn?“
Den Rest des Beitrags lesen »

Advertisements

, ,

5 Kommentare

Neulich, am Notfalltelefon

Hier in der Heilanstalt am Rande des Wahnsinns hütet die Anästhesie auf ihrer Intensivstation auch das interne Notfalltelefon.
Man darf sich das so vorstellen:
Irgendwo in der Klinik versucht jemand, der noch nicht soll zu sterben und irgendjemand merkt es. Der ruft dann eine Schwester, die kommt gucken, und ruft dann, wenn derjenige es wirklich ernst meint das Reanimationsteam. Damit sich wirklich jeder die Nummer merken kann und auch parat hat, wenn er/sie ein bisschen aufgeregt ist, ist sie sehr einfach gehalten: Viermal die Zwei.
Auf dem Tresen der Intensivstation klingelt dann, ziemlich laut und ziemlich penetrant das, wer hätte es gedacht, Notfalltelefon. Sämtliche freie Kräfte versammeln sich dann am Tresen und nachdem der Anruf abgewickelt ist wird kurz rapportiert wo was los ist und zwei Schwestern und ein Arzt schnappen sich zwei Notfallrucksäcke und einen Defi und gehen los. Ja, gehen. Denn wir wollen nicht stolpern, uns den Fuß verknacksen und dann kommt keiner, das wäre nicht professionell.
Jedenfalls wird der Arbeitsablauf auf der Station immer ein wenig durcheinandergebracht, weil alle sich erschrecken weil das Telefon so laut und penetrant klingelt und dann erstmal eine rauchen gehen müssen um sich wieder zu beruhigen, zusätzlich fehlen auch erstmal drei Mann/Frau für eine absehbare, aber dennoch unbestimmte Zeit.
Den Rest des Beitrags lesen »

, ,

6 Kommentare

Bumsfallera

Kurz nach halb eins in der Nacht. Frau Umgeknickt wartet in der Einleitung von Saal F darauf, daß ich den Tubus aus Herrn AkuteGalle rausziehe, ihr eine Spinale steche und sie eine Stahlverstärkung an ihren kompliziert-kaputten Knöchel gemeißelt bekommt.
Bisher war der Dienst eher Beschäftigungstherapie mit prämedizieren und operativem Klein-Klein, das entweder vom Tage übrig blieb oder gemacht werden musste.
Während ich beim Universum ein paar Stunden Schlaf bestelle, klingelt mein Diensthandy.

VAP: Vapor, Anästhesie, Abend!
GYN: Hallo Vapor! Klimperwimper, Gyn. Wir müssen eine Lapski machen. Notfall. Die Patientin blutet Hb-Wirksam, ist nüchtern.
VAP: Okay. Ich leite hier gerade noch ’ne Galle aus, als Notfall gewinnt ihr den nächsten Slot, würde ich sagen. Prämed mach ich in der Schleuse. Ich denke so in zehn Minuten ruf ich die ab. Wie ist der Hb, sind EKs in der Mache? Wo blutet sie? Und nüchtern ist ja Latte, wenns ein Notfall ist.
GYN: Die hat freie Flüssigkeit intraabdominell… Ach so, Hb… Blut hab ich keins bekommen. Ich versuch das nochmal.
VAP: Okay. Bitte auch Kreuzblut, 2 EK, E’lyte und Gerinnung, damit wir wissen wo wir herkommen. Wie sind Druck und Frequenz? Braucht sie schon Volumen, ist sie stabil? Wie gehts der im ganzen? Intensivbett?
GYN: Ach, jetzt nicht sooo schlecht, kein Intensivbett. Druck und Frequenz haben wir noch nicht gemessen. Ich leg dann beim Blutabnehmen einen Zugang. Soll sie ’ne HAES kriegen?
VAP: Klimperwimper, KEINE AHNUNG! Und mir ’ne Hb- und kreislaufwirksame Blutung anzukündigen ohne irgendwas gemacht oder gemessen zu haben finde ich frech. Sag den OP-Schwestern bescheid was ihr machen wollt. Ich muss jetzt Ausleiten, bis gleich, Tschüss.
Gyn: Ja, bis gleich.
-Aufgelegt-

Den Rest des Beitrags lesen »

, , , , , ,

15 Kommentare

Alles zu seiner Zeit

Freitag, letzter Punkt in Saal D.
„Wir sind hier dann auch demnächst fertig!“ dringen die Worte des Operateurs an meine müden Ohren. „Naaaaaaaaaa endlich!“ denk ich mir, lege die Narkosebravo zur Seite, stehe auf, lege eine Hand auf den Stoppknopf des Propofolperfusors und werfe einen interessierten Blick über das Tuch.
Tatsächlich scheint das Ende der an Dramatik kaum zu unterbietenden Leistenhernien-OP bei einem ASA-I-Patienten absehbar: In der Tiefe des Inguinalschnittes blitzt rund um den Samenstrang ein liebevoll eingestepptes Vicrylnetz auf. Sieht für mein ungeübtes, trübes Anästhesistenauge so ähnlich aus wie sonst immer, kurz bevor die chirurgischen Kollegen sowas zunähen. „Spülung, Subkutan“ bestellt der Chirurg bei der OP-Schwester.
Er scheint es also ernst zu meinen. Ich rekapituliere also einmal im Stillen für mich: Relativ jung, relativ gesund, 25+15 Mücken Sufenta auf gute 80kg und etwa 80 Minuten Seit Einleitung, Prämed-Dormicum müsste raus sein, könnte alles klappen. Also reduziere ich das Propofol schon mal von 6mg/kg/h auf 3, dreh 100% Sauerstoff rein, regel den Flow etwas hoch und die Beatmung so nach, das der Patient die Chance zur assistierten Spontanatmung hat – ich bin ja eigentlich gar nicht so.
SpülSchlürfSpülSchlürf-StichStichStich – Pünktlich zum letzten Drittel der Subkutannaht setzen die ersten Bemühungen des Patienten wieder aktiv selbst am Gasaustausch teilzunehmen ein, was absolut in meinem Sinne ist.

Den Rest des Beitrags lesen »

, , , , ,

7 Kommentare

Ein schöööner Tag….

War heute eigentlich Montag? Hätte ein Tavor-Leckstein geholfen? Falls ja, wer hätte ihn bekommen? Kann und sollte man der Klimaanlage Haldol beimischen?
Fragen über Fragen, die sich so wahrscheinlich nicht mehr abschließend klären lassen, denn auch dieser Tag ging für alle überraschend irgendwann einfach vorbei – aber fangen wir doch von vorne an…

06:47 Uhr Zulu-Zeit – Stimmung: Lass mich in Ruhe, ich will ins Bett…
Betrete die Klinik durch den Haupteingang. Früh-Saal A mit Kinder-HNO, danach ein bisschen unfallchirurgisches Kleinklein. Kumulierte OP- Zeit ca. 2,5 Stunden, wenn ich mich recht an den Blick auf den OP-Plan gestern erinnere – frührer Feierabend winkt also.
Feststellung: Möglicherweise etwas knapp dran für Umziehen (weiß), Umziehen (grün), Zugang legen und Tubus reinmachen für eine Adenotomie bei einem Zweijährigen wenn um 7:00 Schnitt sein soll. Zum Glück pflegt mich heute ein ganz alter Narkosewärter, der würde das auch ohne mich hinkriegen…

06:54 Uhr Zulu-Zeit – Stimmung: Je eher daran, je eher davon!
Habe beschlossen, auf eines der beiden Umziehen zu verzichten und stehe hygienisch einwandfrei in grün gewandet im Saal. Allein. Mutterseelenallein.
„Haaaloooo?“ rufe ich vorsichtig. Keine Antwort aus der Dunkelheit.
„Haaaaaaalloooo?“ Man soll ja nicht gleich beim ersten Mal Aufgeben. Nichts.

Den Rest des Beitrags lesen »

, ,

6 Kommentare

Hallo again Welt!

Wer bin ich?
Arzt in der Weiterbildung zum Facharzt für Anästhesie. Mit OP, Intensivstation und feuerrotem Spielmobil.

Wo bin ich?
Am Rande des Wahnsinns – in guter alter Tradition.
Inzwischen aber woanders und näher am Rande des Wahnsinns als jemals zuvor….

Was wird es hier zu lesen geben?
Primär Plaudereien aus dem anästhesiologischen Nähkästchen. Also Berichte aus dem Mikrokosmos OP, von der Intensivstation und vom feuerroten Spielmobil.

Warum blogge ich?
Hauptsächlich für mich selbst, weil es unbedingt raus muss…
Wenn es dem geneigten Leser (Dir) dennoch gefällt: Um so besser.

All glory to the Hypnotoad!

DocVapor

, ,

5 Kommentare